Pflaster treten

(…..oder Guerillas in Mannheim)

Bevor das Volk auf den Bühnen des Nationaltheaters Mannheim zum 2.Bürgerbühnenfestival auftreten kann, trat das Volk das Pflaster. Auf den Straßen, die die Welt bedeuten.
stempel_pflaster
stempel_christianeUnd am Samstag hieß es: Hinaus, hinaus!
stempel_herausDas Geräuschorchester der Mannheimer Bürgerbühne auf dem Weg zum Bürgerlauf, mit gefüllten Luftballons.
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Der Mensch gegen die Schublade

Wer kennt sie nicht, die guten alten Schubladen, in die wir uns gegenseitig gerne mal einordnen? Dieser Vorgang, Menschen nach ihrem Äußeren, ihrem Geschlecht, Beruf usw. einzuteilen und vor allem zu beurteilen, geschieht meist so automatisch, dass uns die Folgen selbst kaum bewusst sind. Aber was, wenn sich die Schublade wehrt? Wie reagiert man auf die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen und die Provokation einer direkten Reaktion von der Bühne aus?

Das 2. Bürgerbühnenfestival bietet mit gleich zwei Inszenierungen die Möglichkeit, sich diesen Fragen zu widmen. In Männer, einem Tanztheater des Jungen Theater Basel, stellen sich sieben junge Männer der Frage nach der Bedeutung von Männlichkeit in unterschiedlichsten Kontexten. Spannend dürften dabei nicht nur die Antworten sein, die im Stück gegeben werden, sondern auch die Form des Theaters. Fast ausschließlich durch Körper in (Tanz-) Bewegung findet dieses „Ringen um Männlichkeit“ seinen Ausdruck auf der Bühne und verspricht geballte Manpower.

Seid ehrlich, was war euer erster Gedanke, als ich auf die Bühne kam?

"Dicke Frauen", Theater über Körperbilder, heißes medium:polylux

“Dicke Frauen”, Theater über Körperbilder, heißes medium:polylux ©Andreas Hartmann

Dicke Frauen von heißes medium:polylux begegnet dem Schubladendenken auch von der anderen Seite aus. Hier berichten sieben Frauen „weit entfernt von Konfektionsgröße 38“ von ihren Erlebnissen und Sichtweisen. Sie gehen aber gleichzeitig offen mit weit verbreiteten Vorurteilen um und erzählen, was diese für sie bedeuten. Die direkte Konfrontation der Zuschauer mit ihren (vielleicht auch unbewussten) Gedanken verspricht hier ebenfalls einen besonders spannenden und lehrreichen Theaterabend.

Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf, beide Inszenierungen beim Festival zu erleben und das eigene Weltbild mal wieder zu hinterfragen. Man kann dabei nur gewinnen!!

Beide Vorstellungen sind aktuell ausverkauft. Es gibt aber aufgrund der hohen Nachfrage eine Zusatzvorstellung von Dicke Frauen am Donnerstag, 26. März um 18.00 Uhr im Studio. Schnell die letzten Karten sichern, und zwar hier!

Johanna Hosenfeld

Lebensqualitäten

Beim durchblättern des Bürgerbühnenprogramms bin ich sofort bei einem Stück hängen geblieben: Qualitätskontrolle, das gleich zur Eröffnung am 20. März gespielt wird. Das Konzept erschien mir als äußerst unkonventionell. Aber warum eigentlich?

Maria-Cristina Hallwachs ist seit 20 Jahren von den Schultern abwärts gelähmt und lebt ihr Leben erhobenen Hauptes. Sie erzählt, dass sie nach ihrem Unfall, der ihr jetziges Dasein verursachte, gefragt wurde, ob sie überhaupt weiterleben möchte. Natürlich wollte sie das. Warum auch nicht? Warum sollte ihr Leben nun schlechter sein als vorher?

Daher musste ich mich auch erst einmal selbst schelten, als ich über Lebensqualitäten nachdachte. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die vollen körperlichen Funktionen als unabdinglich für ein erfülltes Leben gelten. Es gibt sogar (und das war mir bis vor kurzem unklar) pränatale Untersuchungen, die die Lebensqualität des Fötus einschätzen. Was soll der Blödsinn eigentlich? Ist das nicht herabwürdigend? Warum sollte eine körperliche (oder auch geistige) Einschränkung gleichzeitig eine Lebenseinschränkung sein?

Genau aus diesem Grund empfinde ich das Stück Qualitätskontrolle des Rimini Protokolls als so wichtig. Frau Hallwachs erzählt von ihrem Leben, von ihren Träumen, von ihrer Lebensfreude. So wie jeder andere. Nur sitzt sie im Rollstuhl. Und wir als Zuschauer haben die Möglichkeit, zu lernen, das anders leben auch ganz leben ist. Niemand wird unvoreingenommen in dieses Stück gehen, aber ich hoffe, dass jeder Einzelne seine Vorbehalte revidieren können wird.

 

Talking ’bout my generation

Die Generation Y tanzte die Who, die das damals in Woodstock … aber das ist die Geschichte einer anderen Generation. Wobei gleich klar wird: Die Generation Y kann auf zich Jahre Pop-Geschichte zugreifen und ja, das tut sie halt auch. Ist doch normal.

…also – los, schreiben wir Geschichten, die wir später erzäh’ln.

Steht so im Programmflyer.

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Es gibt für alles einen Tag. Auch die Theaterpädagogik hat einen. Und zu was hat das Nationaltheater eine Bürgerbühne? Natürlich ist es dabei. Theatercommunity oder so.
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Meine Erforschung der Bürgerbühnenwelt geht weiter. Ein (Spiel-) Club. Also Leute, die sich treffen, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen und es theatralisch umzusetzen. Keine Bürgerbühnenproduktion als verkaufte Abendunterhaltung, sondern Selbstreflexion und spielerische Umsetzung. Für sich und mit Abschlussdrama für ein auserwähltes Publikum. Auf einer Schillerbühne, der Probebühne B, treppenumtost und normalerweise fürs Volk verschlossen und jetzt hieß es „Auftritt Volk!“.

Das scheint allen Beteiligten sehr viel gegeben zu haben. Das Suchen und reflektieren von Szenarien, die Umsetzung in Text und in Szenen. Angeleitet von den Profis des Theaters und das merkt man.
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