Nachlesen für Theaterbegeisterte

Für alle, die sich noch weiter über das 2. Bürgerbühnenfestival in Mannheim und seine Vorstellungen informieren wollen. Hier gibt es erste Besprechungen, Ankündigungen, Interviews, und was das Theaterherz noch alles begehrt.*

*Nur so lange die Links aktiv sind versteht sich!

Mit Eisbär, Luftballons und Co.

Am Samstagmorgen um halb zehn standen bereits die ersten, vor Kälte bibbernden, Gestalten auf dem Mannheimer Marktplatz (Ecke Coffee Fellows), um den Nationaltheater-Stand anlässlich des 2. Bürgerbühnenfestivals aufzubauen. Doch kurze Zeit später war die Kälte vollkommen vergessen, weil alle damit beschäftigt waren, interessierten Passanten von dem Festival zu berichten und ihnen Programmhefte auszuteilen. Und als wir dann auch noch tatkräftige Unterstützung von dem Eisbären erhielten, waren wir vor faszinierten Kleinkindern, bellenden Hunden und Fotographie freudigen Menschen nicht mehr sicher. Das Interesse der Vorbeieilenden war, wenn man sie erst mal zum Anhalten und Zuhören gebracht hatte, enorm groß. So macht das Spaß!

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Auch unser Clubmitglied Michael konnte dem Eisbären nicht wiederstehen!

Und somit wird es auch nächsten Samstag, den 14.03.2015, einen Markstand zwischen 11.00 und 13.00 Uhr geben*, bei dem wir auf viele Theaterbegeisterte hoffen und es lohnt sich auf jeden Fall vorbeizuschauen, denn so einen lebendig aussehenden und sooo kuscheligen Eisbären sieht man nicht alle Tage. Auf jeden Fall eine Kamera mitnehmen!!!

*Bei Regenwetter muss der Stand leider entfallen.

Lebensqualitäten

Beim durchblättern des Bürgerbühnenprogramms bin ich sofort bei einem Stück hängen geblieben: Qualitätskontrolle, das gleich zur Eröffnung am 20. März gespielt wird. Das Konzept erschien mir als äußerst unkonventionell. Aber warum eigentlich?

Maria-Cristina Hallwachs ist seit 20 Jahren von den Schultern abwärts gelähmt und lebt ihr Leben erhobenen Hauptes. Sie erzählt, dass sie nach ihrem Unfall, der ihr jetziges Dasein verursachte, gefragt wurde, ob sie überhaupt weiterleben möchte. Natürlich wollte sie das. Warum auch nicht? Warum sollte ihr Leben nun schlechter sein als vorher?

Daher musste ich mich auch erst einmal selbst schelten, als ich über Lebensqualitäten nachdachte. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die vollen körperlichen Funktionen als unabdinglich für ein erfülltes Leben gelten. Es gibt sogar (und das war mir bis vor kurzem unklar) pränatale Untersuchungen, die die Lebensqualität des Fötus einschätzen. Was soll der Blödsinn eigentlich? Ist das nicht herabwürdigend? Warum sollte eine körperliche (oder auch geistige) Einschränkung gleichzeitig eine Lebenseinschränkung sein?

Genau aus diesem Grund empfinde ich das Stück Qualitätskontrolle des Rimini Protokolls als so wichtig. Frau Hallwachs erzählt von ihrem Leben, von ihren Träumen, von ihrer Lebensfreude. So wie jeder andere. Nur sitzt sie im Rollstuhl. Und wir als Zuschauer haben die Möglichkeit, zu lernen, das anders leben auch ganz leben ist. Niemand wird unvoreingenommen in dieses Stück gehen, aber ich hoffe, dass jeder Einzelne seine Vorbehalte revidieren können wird.

 

Lernen, das Geräusch zu adeln

Mit dem Mannheimer Geräuschorchester # 1  feierte die Bürgerbühne am Nationaltheater Mannheim in der letzten Spielzeit eine besondere Premiere. Unter der künstlerischen Leitung von Johannes Gaudet und Anselm Dalferth erarbeiteten 100 Mannheimer Bürger in Workshops eine Musiktheaterperformance auf der Grundlage von Edgar Allan Poes Die Maske des roten Todes (zum Nachlesen auf Deutsch im Projekt Gutenberg DE).

In 10 Workshops experimentierten sechs Gruppen mit der Klangvielfalt von Alltagsgegenständen und erzeugten atmosphärische Musikbausteine, die schließlich mit dem Text, interpretiert von Schnawwl- Schauspieler Uwe Topmann, zu einem szenischen Konzert verwoben wurden. Man darf staunen, welche musikalischen Möglichkeiten alte Tonbandgeräte, Papier, Bleche, Dachlatten, Siebe und vieles mehr in sich bergen. Im Interview erzählt Johannes Gaudet von der Idee und der Arbeit am Geräuschorchester # 1.

Johannes Gaudet - Dramaturg und Musiktheaterpädagoge Junge Oper Mannheim

Johannes Gaudet – Dramaturg und Musiktheaterpädagoge Junge Oper Mannheim

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Mischpoke!

Über Jahre habe ich beruflich eng mit israelischen Kollegen zusammenarbeiten können, war zu zahlreichen Meetings in Israel, konnte ein wenig Einblick in die jüdische Kultur gewinnen, habe zu selten die Gelegenheit genutzt, das phantastische Israel Philharmonic Orchestra zu erleben. Habe einen Eindruck gewonnen von der Mentalität des sich Durchsetzens, Wege zu finden ans Ziel zu kommen, unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Habe beobachtet, dass die jüdische Religionszugehörigkeit kompatibel ist mit allen politischen Richtungen von ganz links bis ganz rechts.  Zu differenzieren, in wie weit der jüdische Glaube vs. der Jahrzehnte lang von vielen Seiten bedrohte Staat vs. die Holocaust-Erfahrung der vorhergehenden Generationen meiner Kollegen ihre Mentalität und Lebensart beeinflusst haben, fällt mir schwer. Vielleicht ist es gar nicht möglich, es kommt ja alles zusammen.

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“Mischpoke”, Die Bürgerbühne, Staatsschauspiel Dresden

Wie leben Juden in Deutschland? Bewusste persönliche Begegnungen sind mir nicht in Erinnerung. Umso mehr bin ich gespannt auf die Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, in die 10 Jüdinnen und Juden aus Dresden ihre Lebenserfahrungen eingebracht haben, ihre Persönlichkeit, ihre jüdische Identität (vermutlich weniger geprägt durch die israelische Gesellschaft). Gespannt auf die Mischpoke, die da zusammenkommt. Und auf das Theaterstück, das daraus entstanden ist (Uraufführung am 28.02.15 in Dresden, Toi Toi Toi!).

In freudiger Erwartung auf den Abend des 27.03.15: Mischpoke beim 2. Bürgerbühnenfestival am NTM.

Infos und Karten gibt es hier.