Mischpoke!

Über Jahre habe ich beruflich eng mit israelischen Kollegen zusammenarbeiten können, war zu zahlreichen Meetings in Israel, konnte ein wenig Einblick in die jüdische Kultur gewinnen, habe zu selten die Gelegenheit genutzt, das phantastische Israel Philharmonic Orchestra zu erleben. Habe einen Eindruck gewonnen von der Mentalität des sich Durchsetzens, Wege zu finden ans Ziel zu kommen, unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Habe beobachtet, dass die jüdische Religionszugehörigkeit kompatibel ist mit allen politischen Richtungen von ganz links bis ganz rechts.  Zu differenzieren, in wie weit der jüdische Glaube vs. der Jahrzehnte lang von vielen Seiten bedrohte Staat vs. die Holocaust-Erfahrung der vorhergehenden Generationen meiner Kollegen ihre Mentalität und Lebensart beeinflusst haben, fällt mir schwer. Vielleicht ist es gar nicht möglich, es kommt ja alles zusammen.

7640_sth6_mischpoke2va280

“Mischpoke”, Die Bürgerbühne, Staatsschauspiel Dresden

Wie leben Juden in Deutschland? Bewusste persönliche Begegnungen sind mir nicht in Erinnerung. Umso mehr bin ich gespannt auf die Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden, in die 10 Jüdinnen und Juden aus Dresden ihre Lebenserfahrungen eingebracht haben, ihre Persönlichkeit, ihre jüdische Identität (vermutlich weniger geprägt durch die israelische Gesellschaft). Gespannt auf die Mischpoke, die da zusammenkommt. Und auf das Theaterstück, das daraus entstanden ist (Uraufführung am 28.02.15 in Dresden, Toi Toi Toi!).

In freudiger Erwartung auf den Abend des 27.03.15: Mischpoke beim 2. Bürgerbühnenfestival am NTM.

Infos und Karten gibt es hier.

2. Bürgerbühnenfestival – Work in Progress

Vom 20. – 27. März 2015 findet in Mannheim das 2. Bürgerbühnenfestival statt, ein deutsch-europäisches Theatertreffen, ausgerichtet vom Nationaltheater Mannheim. Nicht nur bei den Produktionen, sondern auch bei der Vorbereitung und Durchführung des Festivals arbeiten die Theater-Profis mit Bürgern zusammen. Mikel und ich, Klaus, nehmen am Marketing-Club der Bürgerbühne teil, der die Marketingaktivitäten für das Festival erarbeiten soll, zumindest daran mitarbeiten soll. Nach einigen Sessions mit Lockerungsübungen und Brainstormings lechzen wir nach handfesten Infos über das Festival, die Gastspiele, das Rahmenprogramm. Veröffentlicht wird das Programm jedoch erst nach der Pressekonferenz am 27. Januar 2015. Dazu sprachen wir am 24.11.14 mit Stefanie Bub, der Koordinatorin der Bürgerbühne am NTM und eine der wichtigsten Protagonisten bei der Ausrichtung des Festivals.

Bild: Stefanie Bub

Zwar ist das NTM mit Schillertagen und Mozartsommer Festival-erfahren, doch ist das Bürgerbühnenfestival auf weite Strecken Neuland. Nach der diesjährigen Premiere in Dresden wird es im Frühjahr 2015 erst die 2. Ausgabe des Festivals sein.

Der Erfolg des Festivals steht und fällt in erster Linie mit der Qualität der eingeladenen Produktionen. Die ganze Vielfalt des partizipativen Theaters sollen sie zeigen: Sprechtheater, Tanztheater und Musiktheater. Mit Laien jeden Alters, die einen erheblichen Anteil zu dem künstlerischen Gehalt der Produktion beitragen. Aus Deutschland und dem europäischen Ausland sollen sie kommen, qualitativ herausragen, anspruchsvoll und innovativ sein. Und sie müssen mit einem professionellen Team (Regie, Ausstattung, Musik, …) produziert und in einem professionellen Rahmen mehrfach aufgeführt worden sein. Von selbst kommen solche Produktionen nicht angelaufen, sie müssen entdeckt werden.

So hat Stefanie die letzten Wochen und Monate diverse Netzwerke Theaterschaffender abgeklappert, Presserezensionen durchstöbert, im Web recherchiert und die entsprechenden Regisseure und Dramaturgen animiert, ihre Inszenierungen für den Wettbewerb zu nominieren. Zahlreiche Sprech- und Tanztheaterproduktionen sind zusammengekommen, nur beim Musiktheater ist das Angebot etwas dünn – nicht ganz unerwartet. Konkrete Zahlen sind geheim, sollen erst bei der Vorstellung des gesamten Festival-Programms Ende Januar veröffentlicht werden.

Welche 12 Produktionen eingeladen werden, entscheidet ein Kuratorium mit Vertretern des Staatsschauspiels Dresden, des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, des Deutschen Theaters Berlin, des dänischen Aalborg Teater sowie des Nationaltheaters Mannheim. Das sind die gleichen Institutionen, die auch schon für das erste Bürgerbühnenfestival die Jury gestellt haben. Kontinuität in dieser frühen Phase des Festivals ist damit gegeben. Bevor das Kuratorium Anfang Dezember seine Entscheidung trifft, müssen sich deren Mitglieder noch stunden-, tage- und nächtelang diverse DVDs reinziehen. Ein Privileg hat der Ausrichter: er kann bestimmen, welche seiner eigenen Produktionen im Rahmen des Festivals jedoch außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden. So wird  das Mannheimer Geräuschorchester #1 am Eröffnungstag um 21.00 Uhr im Opernhaus zu hören und zu sehen sein. Dieser Termin ist bereits veröffentlicht und steht auch schon online im Gesamtspielplan.

Das Mannheimer Geräuschorchester #1

Das Mannheimer Geräuschorchester #1

Und dann gibt es da noch das Rahmenprogramm. Es wendet sich an unterschiedliche Communities, Regisseure und Dramaturgen, Theaterwissenschaftler, aktive Bürger der Bürgerbühnen, die Bevölkerung der Mannheimer Region, solche, die auch sonst ins Theater gehen oder gerade nicht. Bisher nicht. Als Novum ist eine Bürgerjury mit von der Partie. 20 Bürger, Jugendliche und  Erwachsene, werden sich alle 12 Gastspiele anschauen, bewerten und zum Schluss ihren Bürgerpreis verleihen. Zurzeit bereiten sie sich in ihrem Bürgerjury-Club intensiv auf diese Aufgabe vor. Das Gros der Workshops, Vorträge, Diskussionen soll offen für alle sein, partizipativ, wie die Bürgerbühne selbst. In den unterschiedlichen Formaten soll die in Dresden begonnene Qualitätsdebatte über Formen und Inhalte des professionellen Bürgerbühnentheaters weitergeführt werden. Einige wichtige Protagonisten haben ihre Teilnahme bereits zugesagt.

Nun ja, ich sehe ja ein, dass wir Dinge wissen wollen, die noch nicht spruchreif sind. Sobald die Gastspiele ausgewählt sind, ist die Basis für stärker inhaltlich ausgerichtete Arbeit da. Beispielsweise werden wir erkennen können, welche Themen spezielle Zielgruppen ansprechen, um uns Gedanken zu machen, wie wir diese als Zuschauer gewinnen können. Es wird spannend.